Ganztagesklasse

Ganztagesklasse an der Realschule Neufahrn

Vorwort:

Die Gesellschaft hat sich stark verändert. Sie zeichnet sich durch zunehmende Individualisierung aus. Die Fähigkeit, sich einzuordnen oder zurückzustehen, schwindet zusehends. Drogen- und Gewaltprobleme nehmen zu. Viele Familien haben wachsende wirtschaftliche Sorgen.


Familien werden kleiner. Einkindfamilien nehmen zu. Etwa 40% aller Kinder wachsen als Einzelkinder auf. Die Zahl der Alleinerziehenden und der berufstätigen Mütter und derer, die ihre Berufsrückkehr wünschen, wächst ständig.
In der Wohnumwelt schrumpfen die Erfahrungsräume und führen zu Vereinzelung. Die Freizeit wird zunehmend auf die Medien beschränkt und durch die Medien bestimmt. Computer und Fernsehen bewirken eine zunehmend spracharme Gesellschaft. Die Fähigkeit, sich auseinanderzusetzen und Kompromisse zu schließen, leidet. Gegen diese Trends und Tendenzen muss Schule antreten.

 

Optimale Förderung für jedes Kind und mehr Ganztagsangebote an allen Schularten sieht Bayerns Kultusminister Dr. Ludwig Spaenle bereits in seiner Regierungserklärung vom 26. März 2009 als wichtige Zukunftsaufgabe für Bayerns Schulen, wenn es um „Qualität und Gerechtigkeit“ als zentrale Ziele bayerischer Bildungspolitik geht. Ein wichtiges Instrument für eine intensivere individuelle Förderung und für mehr Chancengerechtigkeit – gerade auch für Kinder aus bildungsfernen Familien - stellt für den Minister neben der Ausweitung der Schulsozialarbeit vor allem der Ausbau der Ganztagsschulen dar, den er auf der Grundlage der Beschlüsse des Bildungsgipfels mit den Kommunen „an allen Schularten in Bayern mit Energie vorantreiben“ wird. Ab 2011 sollen auch gebundene Ganztagsangebote an Realschulen und Gymnasien zielstrebig ausgebaut werden.

 

 

 

Pädagogisches Konzept einer Ganztagesbetreuung

 

Gemeinsame Erlebnisse und Erfahrungen im Ganztagsbereich fördern soziales Lernen und bieten pädagogische Chancen. Das Lernen von sinnvoller Freizeitgestaltung ist ein wichtiges Ziel der Ganztagsschule. Gesamtschule als Ganztagsschule begrenzt sich nicht auf die zeitliche Erweiterung einer Halbtagsschule, sondern

  • fördert das soziale Lernen,
  • erzieht zu Selbständigkeit und Verantwortlichkeit,
  • unterstützt individuelle Leistungsfähigkeit,
  • weckt Interessen und
  • gibt Anregungen zu kreativer Freizeitgestaltung.

 

Die Ganztagsschule soll in Ergänzung des Unterrichts

  • der Übung und Vertiefung des im Unterricht Erlernten dienen,
  • zur Förderung der sozialen Beziehungen zwischen den SchülerInnen beitragen,
  • die Zusammenarbeit zwischen Lehrern und SchülerInnen intensivieren,
  • die Erziehung der Schüler zu Selbstbestimmung und Mitbestimmung fördern,
  • die Orientierung und Beratung der SchülerInnen verbessern helfen
  • die Möglichkeiten zur Entspannung und Erholung erweitern.
  • Eltern die Sicherheit geben, dass ihre Kinder einer sinnvollen Nachmittagsbetätigung nachgehen
  • Eltern die Sicherheit geben, dass der überwiegende Teil der Hausaufgaben bereits an der Schule unter fachkundlicher Anleitung erledigt wurde.

 

Unterricht und Ganztagsbereich bilden eine pädagogische Einheit.

Kinder und Jugendliche, deren Lebens- und Erfahrungsspielräume durch den Verlust von Spiel- und Treffpunkten und die Ausdünnung sozialer Kontakte im Wohnumfeld eingeengt sind, brauchen Angebote, die stabile Gruppenbeziehungen und sinnvolle Tätigkeiten ermöglichen.
Kinder und Jugendliche, deren Mütter und/oder Väter berufstätig sind, brauchen die zeitlich verlässliche pädagogische Zuwendung.

Kinder und Jugendliche, die unsere Wirklichkeit aus zweiter Hand, durch das Fernsehen und Videos erfahren, brauchen nicht nur Hilfen bei der Deutung von Informationen und Bildern. Sie brauchen vor allem auch Anregungen zur Selbsterfahrung und zur Auseinandersetzung mit ihrer Wirklichkeit.

Kinder und Jugendliche, die in der Gefahr stehen, als Ausländer- oder Aussiedlerkinder ausgegrenzt zu werden, brauchen eine zusätzliche Chance der Integration.
Kinder und Jugendliche, die Erprobungs- und Lernmöglichkeiten suchen, brauchen eine größere Vielfalt von Angeboten, um ihren Anspruch auf allgemeine Förderung und Selbstorganisation einlösen zu können.

 

Kriterien für die pädagogische Ausgestaltung von Ganztagsangeboten müssen sein:

  • Ganztagsangebote dürfen nicht „Verwahrung“ sein. Notwendig ist vielmehr die Entwicklung von Konzepten mit erfahrungsorientierten Inhalten, neuen Lernformen und der Einbindung unterschiedlicher Lernorte.
  • Ideal ist ein Tagesablauf, der offene und handlungsorientierte, erholende Phasen und Phasen konzentrierten Lernens und Tuns ermöglicht.
  • Ganztagsangebote benötigen ein erzieherisch qualifiziertes und engagiertes Personal: Lehrerinnen und Lehrer bzw. sozialpädagogische Fachkräfte.
  • Die Auflockerung des Schulalltags durch die Aufteilung und Zuordnung von Unterricht und Freizeitangeboten, so dass freie Arbeit, Spiel und Sport sowie projektorientierte und ganzheitliche Lernformen möglich sind.

 

 

Das Ganztagesangebot an der Realschule Neufahrn

Den oben dargestellten Forderungen einer sinnvollen pädagogischen Ganztageskonzeption folgend soll die für die fünfte Jahrgangsstufe neu einzurichtende Ganztagesklasse einen organisatorischen Rahmenplan bekommen, der sowohl den pädagogischen Ansprüchen, als auch den organisatorischen Bedingungen an der Realschule Neufahrn gerecht wird.

Wie dem Stundenplankonzept im Anhang zu entnehmen ist, folgen die Unterrichtsstunden sowohl am Vormittag als auch am Nachmittag den zeitlich-organisatorischen Rahmenbedingungen, die von den übrigen Klassen vorgegeben werden. Dennoch wurden gezielt Freiräume im Stundenplan geschaffen, die den Tagesablauf gliedern und dadurch auch rhythmisieren. In den sechsten Stunden von Montag mit Donnerstag finden so genannte Vertiefungsstunden statt, in denen unter fachkundiger Anleitung eines Lehrers der Stoff der Kernfächer des Vormittags rekapituliert und vertieft wird. Schriftliche Hausaufgaben sollten dann bereits erledigt sein. Im Rahmen einer „Hundertminutenregelung“ betreut derselbe Lehrer auch die gemeinsame Einnahme des Mittagessens in der Schulküche und dem angrenzenden Betreuungsraum. Gemeinsames Essen, Aufräumen und anschließende Phase zur freien Gestaltung stellen dabei, besonders im Hinblick auf soziales Lernen und gelebte Gemeinschaft,  ein wichtiges wiederkehrendes Ritual dar.

Weiterer Eckpunkt des Konzeptes ist eine weitere, zusätzliche Vertiefungsstunde am Dienstag- oder Mittwochnachmittag, die den Schülern die Möglichkeit gibt, sich zur Wochenmitte zu „entlasten“, d.h. aufgelaufene Arbeiten zu erledigen, so dass eine Überforderung für den zweiten Wochenteil sowie das Wochenende vermieden werden kann.

 

Durch den engen Kontakt, den die Schüler in den gemeinsamen Unterrichtsphasen und Freiphasen aufbauen, werden intensive Sozialbeziehungen innerhalb der Gruppe, aber auch zwischen Gruppe und Klassleiter entstehen. Nur sinnvoll erscheint folglich eine gemeinsame Wochenabschlussbesprechung zur Klärung von Konflikten und auch als Besprechungszeit, in der das individuelle Arbeitsverhalten reflektiert und gewertet werden und neue Zielvereinbarungen geschlossen werden können.

Ganz besonders hervorzuheben ist jedoch abschließend die enorme individuelle Förderung, die den SchülerInnen im Rahmen zweier zusätzlicher Unterrichtsstunden in den Hauptfächern Deutsch, Mathematik und Englisch zuteil wird.

Wir sehen dies, im Sinne der eingangs zitierten Regierungserklärung des bayerischen Kultusministers,  als ernsthaften Ansatz einer intensiven individuellen Förderung für mehr Chancengerechtigkeit, gerade auch für Kinder aus bildungsfernen Familien.  Ganz besonders erfreulich ist dabei die Tatsache, dass zumindest im Schuljahr 2010/11 dieses Konzept, obwohl die Ganztagesklasse sechs Stunden mehr Pflichtunterricht hat und während der Mittagspause beaufsichtigt werden muss,  noch ohne Bereitstellung von zusätzlichen Lehrerstunden seitens des zuständigen Ministeriums verwirklicht werden kann. Die zusätzlich benötigten Lehrerwochenstunden können im nächsten Schuljahr mit dem vorhandenen Stundebudget geschultert werden.

 

 

Neufahrn i. NB, März 2010

 

Hermann Schneider, RSD